Offener Brief an den
Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika,
Herrn Barack Hussein Obama
31. März 2009
Sehr geehrter Herr Präsident,
wir senden Ihnen aus Deutschland unsere herzlichsten Glückwünsche zu Ihrem neuen Amt als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und freuen uns sehr auf Ihren Europabesuch Anfang April.
Die Beziehungen zwischen den USA und Deutschland, zwischen Amerikanern und Deutschen sind ganz besonderer Art. Deutschland verdankt den USA viel: So halfen die Vereinigten Staaten beim Wiederaufbau Westdeutschlands nach dem 2. Weltkrieg mit und garantierten in Zeiten des Kalten Krieges die politische Freiheit Deutschlands. Die Wiederherstellung der staatlichen Einheit in den 90ern verdanken wir primär den Vereinigten Staaten von Amerika.
Unsere Beziehungen sind geprägt von Freundschaft und einer soliden Basis gemeinsamer Erfahrungen sowie gemeinsamer Werte und Interessen. Dies ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass in Deutschland eine selbstkritische und ehrliche Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nazi-Regimes stattgefunden hat und ein Konsens darüber besteht, dass weder die Leugnung noch die Relativierung der NSVerbrechen, insbesondere des Holocausts, geduldet werden dürfen. Erlauben Sie uns in diesem Zusammenhang Ihnen unser Anliegen mitzuteilen:
Herr Präsident, wir sind Deutsche mit Zuwanderungshintergrund und stammen vorwiegend aus den Regionen Kleinasiens und des Mittleren Ostens. Die Vereinigten Staaten sind ein großer Akteur der Weltpolitik und gestalten wesentlich die Geschicke dieser Region mit. Vor diesem Hintergrund sehen wir Sie in einer besonderen Verantwortung. Am 5. und 6. April werden Sie den Nato-Partner und EU-Beitrittskandidaten Türkei besuchen. Just zu jener Zeit wird im Osten des Landes der Enteignungsprozess über das 1600 Jährige Kloster „Mor Gabriel“ geführt werden. Bei den aramäischen Christen handelt es sich um die letzten Reste einer christlichen Präsenz in der Türkei. Das spirituelle Zentrum der Aramäer, das Kloster „Mor Gabriel“, wird nun von staatlichen türkischen Stellen von der Enteignung und Schließung bedroht.
Diese Entwicklung beunruhigt uns sehr, da sie sich in eine Reihe von Ereignissen einordnen und eine Kontinuität erkennen lässt, die auf eine Beseitigung der christlichen Präsens in der Türkei gerichtet ist, die ihre Anfänge in der Vernichtung der Armenier im Jahre 1915 nahm - die auch die Aramäer, Griechen und Yeziden betraf - und bis zum heutigen Tag, sowohl für Christen, als auch für andere nichtmuslimische Gemeinschaften spürbar ist. Der türkische Nationalismus richtet sich nämlich gegen all jene Identitäten, die sich nicht türkisch-islamisch definieren und sich außerhalb des türkischen Nationalkonsenses bewegen. Während Ihrer Zeit als Senator verurteilten Sie die genozidären Schandtaten Sudans und forderten die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern durch die Vereinigten Staaten.
Im Januar 2008 nahmen Sie in dieser Frage eine eindeutige Position ein und weckten in uns große Hoffnungen: "The Armenian genocide is not an allegation, a personal opinion, or a point of view, but rather a widely documented fact supported by an overwhelming body of historical evidence. America deserves a leader who speaks truthfully about the Armenian genocide and responds forcefully to all genocides. I intend to be that president."
Die deutsche Erfahrung der Nachkriegszeit hat uns gelehrt, dass nur die kritische Auseinandersetzung mit den Schandtaten der Vergangenheit und die Erinnerung in der Gegenwart eine Aufklärung und Entwicklung in der Zukunft fördern und das friedliche Zusammenleben der verschiedenen Kulturen ermöglichen kann. In Deutschland leben viele verschiedene Gemeinschaften aus der Türkei und dem Mittleren Osten. Innertürkische Entwicklungen haben daher einen unmittelbaren Einfluss auf die innerdeutschen Verhältnisse.
Eine Politik, die die christliche Gemeinschaft im eigenen Land verachtet, wird nicht einem Wertekonsens beitreten können, der in der deutschen und europäischen Politik nach dem 2. Weltkrieg gefunden worden ist und die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA maßgeblich prägt.
Wir hoffen sehr, Herr Präsident Obama, dass unsere Überlegungen bei Ihrem Aufenthalt in der Türkei Berücksichtigung finden.
Hochachtungsvoll
Föderation der Aramäer in Deutschland e.V., Kirchardt
Zentralrat der Armenier in Deutschland e.V., Frankfurt a. M.
Verband der Vereine der Griechen aus Pontos in Europa e.V., Frankfurt a. M.
Komkar - Verband der Vereine aus Kurdistan e.V., Wuppertal V
erband Griechischer Gemeinden in Deutschland e.V., Bonn
Föderation der Dersim Gemeinden in Europa e.V., Köln. 31